(Selbst) Optimierung oder Flucht

Veröffentlicht am 14. Juni 2026 um 19:44

Solange etwas dazu dient, sich vor etwas in sich selbst abzuwenden, kann das Ziel noch so sehr glänzen, es bleibt am Ende Flucht.

Was ich damit meine ist, manchmal ist es sinnvoll unserer Triebkraft zu begegnen.

Der Gedanke uns zu optimieren klingt verlockend und einladend. Wir denken wir werden besser, heiler, gesünder, wertvoller, reicher. Von allem mehr, oder auch anders, als was wir jetzt gerade in uns fühlen können, oder es sich zeigt. Und so streben wir nach Tun, nach Schaffen, nach Mitteln, nach vorne. Oft fühlt sich das erstmal scheinbar Geschaffte gut an. Etwas in uns scheint gefüllt, wo vorher ein Mangel oder eine Leere war.

Es gibt hier so unglaublich viele verschiedene Antriebe, kleine und große. Dahinter stecken aber manchmal einfach nur tiefe Prägungen, konditionierte Gefühls- und Verhaltensmuster, Ängste.

Solange sie der Motor sind, ist der Weg den wir gehen nicht von Bedeutung. Auch nicht das Ziel. Denn das wovor wir flüchteten, wird uns sehr wahrscheinlich irgendwann wieder begegnen auf irgendeiner Ebene. Sprich, es ist ein Teil von uns, den wir nur mundtot und handlungsunfähig zu machen versuchten. Zum anderen ist die Wurzel dessen was wir erreichen wollten oder nach was wir strebten, ein Antrieb der nicht unserem ständig gedeihen wollenden freien Ich entsprang, sondern dem Ich, das etwas kompensieren, deckeln, betäuben, besiegen und davonlaufen wollte.

Ist es das, was wir uns vom Leben wünschen? Das was wir am Ende zu erzählen haben wollen? So etwa: „Ich habe erfolgreich das Leben besiegt. Habe es geschafft. Bin meinen Ängsten entkommen. Habe ausgehalten, durchgehalten, war so bemüht und habe erfolgreich alles was sich an Leid und Mangel zeigen wollte, unter Kontrolle gekriegt und beherrscht.“

Klingt das nicht eher nach einem Krimi, in dem man es zum Schluss geschafft hat nicht gefasst zu werden? Hm.

Wenn man in dieser Metapher jetzt den Verfolger definieren müsste, wären es wir selbst….

Viel zu oft werden wir uns dessen nicht wirklich bewusst.

Es geht also bei den Antrieben nicht nur darum, vor offensichtlichem Schmerz oder Leid zu flüchten, sondern auch darum dass wir getrieben sind von vermeintlich „positiven“ Speicherungen. Wie sind wir bedeutend, wie erlangen wir Wert, wie schaffen wir es, so wenig Angst wie möglich (z.B. vor Krankheit und Tod) zu haben, wie werden wir geliebt, etc. Das heißt, wir haben Speicherungen, die uns ständig die Botschaft senden: Du bist nur liebenswert, wertvoll, sicher, etc., wenn du das machst oder wenn du so bist….

Der Antrieb der Angst tritt demnach nur in einem golden leuchtenden Kleid in Erscheinung. Ständige Selbstoptimierung, fleißiges unentwegtes Arbeiten und Schaffen zB. Diese Seiten der Erscheinungen sind gesellschaftlich anerkannt, aber ihre Wurzel ist trotzdem vielleicht eine versteckte Angst.

Wenn du aus Angst und Vermeidung handelst, lösen sich diese Qualitäten in dir aber leider nicht in Luft auf. Du hast nur das Gefühl durch dein Handeln mehr Kontrolle über dich selbst zu haben, und etwas nicht fühlen zu müssen. Das gibt dir eine Sicherheit, die aber im Grunde davon lebt, ständig gefährdet zu sein. Gleichzeitig verlangt sie von dir, ständig aktiv zu sein, so dass die drohende Unsicherheit in dem Bereich auch wegbleibt.

Unser Leben wird also bestimmt davon, uns selbst unentwegt kontrollieren zu müssen, so dass Sicherheit da ist.

Wir Menschen sind meist unbewusst wahre Meister darin, uns unsere Wahrheit zurecht zu biegen. Den Antrieb und die Gründe für unser Handeln so zu deuten, dass sie vor uns selbst vertretbar klingen. Unbemerkt, dass unsere Ängste und zugedeckten Teile uns bei der Argumentation mehr als  tatkräftig unterstützen.

Die Frage: Wie geht es dir wenn du damit aufhörst, das zu tun was du tust? Was passiert dann? Wie fühlst du dich? Oder besser gesagt, was könnte passieren?

Die ehrliche Antwort bahnt den Weg zu unserem eigentlichen Antrieb.

Leben wir aus einem lebendigen freien Sein heraus, oder möchten wir damit etwas kontrollieren? Kriecht die Angst hoch bei dem Gedanken etwas nicht, oder nicht mehr zu tun? Etwas nicht mehr anzustreben? Machen wir das Eine um das Andere nicht fühlen zu müssen?

Für mich ist die bedeutendste Frage nicht WAS, sondern WARUM.

Es gibt kein Entweder – Oder. Es gibt kein Richtig – Falsch.

Du musst nicht aufhören mit dem was du tust und trotzdem darfst du dem Teil in dir begegnen der dich antreibt. Nicht um einen Schuldigen zu definieren, sondern einfach aus einer neugierigen Beobachtung heraus. Als jemand der sich selbst kennenlernen will. Aus einem Gefühl heraus das irgendwann sagen kann:

Ich habe mich selbst gekannt.

Manchmal beruhen Verhaltensweisen oder Symptome in unserem Leben einfach darauf, dass wir Ebenen in uns keinen Platz geben. Sie nicht hören und sehen wollen, können, oder sie nicht verstehen. Umso mehr ein guter Grund, uns selbst wirklich kennen zu lernen. Unsere blinden Flecke auf ein Date zu treffen.

Es wäre doch viel schöner am Ende sagen zu können, dass man frei gelebt hat, anstatt sich eingestehen zu müssen dass man sich nur selbst entkam.